INTERVIEWS > Zwanzig Jahre Network

"Zwanzig Jahre Network - war das nicht ein ständiger Rausch der Sinne?" fragte ein Journalist den Firmengründer, Geschäftsführer und Produzenten Christian Scholze. Er antwortete: "Das Network-Boot schlingerte durch die Wogen der musikalischen Weltmeere, manchmal auch durch die seichte, warme See. Hie wie da kam es schon zum Rausch der Sinne, aber dazwischen liegt eben auch viel Bürokratie und bei der pünktlichen Belieferung der unterdessen über 30 weltweiten Vertriebe auch richtige Handarbeit".

Gibt es so etwas wie einen typischen Network-Sound?

Schwierige Frage. Viele behaupten das. Bei unseren Produktionen gibt es ein paar Grundprinzipien: strikte akustische Aufnahmen, die jeweiligen Sounds sollen so nah und warm wie möglich aufgenommen werden. Neben dem Arrangement der Musik ist das Arrangement von Atmosphäre mindestens genau so wichtig. Es geht ja um tiefe Gefühle, ein kleiner Fehler ist nicht so bedeutend, wenn die Freude, die Sehnsucht, der Schmerz echt zum Ausdruck kommen. Ich denke das Publikum fühlt das.

Über eine Million CDs von der Reihe WorldNetwork und über 500 000 Doppel-CDs von den Anthologien wie "Desert Blues" und "Musica Negra in the Americas" sind weltweit verkauft worden. Kann man da noch von 'Nische' reden?

Ja und nein. Weltmusik hat ja immer noch einen recht kleinen Marktanteil. Aber es scheint zur Zeit der einzige Musikbereich mit deutlichen Zuwachsraten zu sein. Das Interesse an fremden Kulturen ist größer geworden, das Interesse an anderen Gefühlen von Raum und Zeit, ebenso die Sehnsucht nach unmittelbar ausgedrückter Lebensfreude oder Gefühlstiefe. Dies umso mehr in hochindustrialisierten Gesellschaften, in denen die Vereinzelung und partielle Sinnleere in diesem riesigen Kühlschrank zunehmen. Weltmusik wird dann aus der Nische herauskommen, wenn sie in den großen Medien, vor allem auch im Radio und im Fernsehen, endlich ernster genommen wird. Untersuchungen zeigen, daß das Publikum mehr Mischungen des Programms wünscht -- das ist genau das Gegenteil von dem Mainstream-Denken und von der Schlüssellochperspektive bei Arzt- oder Container-Sendungen der Programmmacher. Und die Weltmusik sollte mehr live präsentiert werden. Dieses Kulturgut bedarf dringend öffentlicher Unterstützung, und keine bürokratischen Hemmnisse, wie schikanöse Strukturen bei Visumsbeschaffungen oder der unsinnige Ausländer-Steuerabzug bei Auftritten von Künstlern aus der sogenannten Dritten Welt.

Hat es bei einigen Network-Produktionen besondere, schwer zu bewältigende tontechnische Herausforderungen gegeben?

Jede Produktion ist eine neue Herausforderung. Es geht ja darum den für die jeweilige Musik adäquaten und optimalen Sound zu finden. Da gibt es wertvolle Erfahrungen, aber keine Routine: Geige ist nicht gleich Geige, Raum ist nicht gleich Raum. Sehr ungewöhnliche und extrem schwierige Bedingungen hatten wir bei der Aufnahme des Requiems von Mozart zusammen mit den entsprechenden Ritualen der tibetischen Mönche -- auf der Bühne waren über 100 Musiker und Musikerinnen. Das funktionierte schließlich nur mit ganz hoch hängenden sensiblen Mikrofonen, die an ganz bestimmten Plätzen hängen mußten. Dann gab es höchst sonderbare Bedingungen in Zanzibar. Die Aufnahmen konnten nur in dem großen Übungsraum der Gruppe gemacht werden. Die Fenster konnten nur zum Teil geschlossen werden. Der Verkehr mußte umgeleitet werden, es blieben pro Tag nur wenige Stunden, die wir als geräuschärmer ausgelotet hatten. Wegen sonderbarer feiner Störgeräusche, die wie leises Quietschen klangen, mußte ich die Aufnahmen unterbrechen. Nach längerer vergeblicher Suche -- zunächst bei den Musikern und an den Instrumenten -- fand ich schließlich unter den Holzfußboden eine Katze mit ihren kleinen, ganz jungen Kätzchen. Die Arbeit an den "Spices of Zanzibar" konnten fortgesetzt werden. In Armenien blieb uns nur der riesige Aufnahmeraum des legendären Radio Eriwan. Das Gebäude war marode, es regnete herein, unser Toniningineur Radu Marinescu flickte lange an den verstaubten Aufnahmemaschinen herum, bis wir schließlich unsere mitgebrachten Mikrofone anschließen konnten. Am Ende der Aufnahmen funktionierten von 32 Kanälen nur noch 18 einwandfrei, genau die Zahl, die wir für das große Orchester brauchten. Es hätte keinen Tag länger dauern dürfen. Auch deswegen -- nicht nur wegen der einmaligen Gastfreundschaft der Armenier -- haben wir in 7 Tagen nur 15 Stunden geschlafen. Eine weitere Herausforderung war sicherlich das erste Frauensalsa-Festival, das wir in Cuba organisierten und aufnahmen. Am Ende waren es neun Gruppen, über 100 Mulattas auf der Bühne, die 5 000 Menschen in einen Rausch versetzten. Den Tontechnikern hatten wir zu viel Rum gegeben....schließlich war es kleines Wunder, daß die CD über dieses bis heute einmalige Spektakel erscheinen konnte.

Es fällt auf, daß die meisten Network-Produktionen in den jeweiligen Herkunftsländern der Musikgruppe gemacht wurden -- steht dahinter ein Prinzip?

Es ist grundsätzlich einfacher und irgendwie ehrlicher vor Ort aufzunehmen, ohne Irritationen durch eine neue, zum Teil völlig andere Umwelt. Zudem ist es leichter spontan lokale Musiker einzubeziehen. Zwar müssen manchmal hinsichtlich der verfügbaren Tontechnik einige Abstriche gemacht werden, aber wichtiger: der Charme des örtlichen oder regionalen Lebensgefühls stellt sich im eigenen Lande eher her; und der Produzent wird so auch leichter Teil des Ganzen.

Für Journalisten ist es manchmal schwer der Produktionsgeschwindigkeit von Network zu folgen, bei manchmal 2-3 Produktionen alle zwei Monate. Gibt es Veröffentlichungen, bei denen der Produzent wegen zu geringer Räsonanz enttäuscht ist, die nach seiner Meinung mehr Aufmerksamkeit verdient hätten?

Jede Produktion ist von einem spezifischen Enthusiasmus begleitet -- es ist schwer da Distanz zu halten. Da wir ganzheitlich arbeiten -- von der ersten Idee, über die Aufnahmen und die Gestaltung bis hin zum Eintüten -- verschärft sich das noch. Insgesamt sind wir sehr froh über die Kompetenz der vielen Journalisten weltweit, die unsere CDs in der Regel loben und mit Auszeichnungen versehen. Klar, daß ich mir bei einigen Produktionen etwas mehr Räsonanz gewünscht hätte. Zum Beispiel bei dem aufregenden und musikalisch sehr niveauvollen Projekt Ankala und Weltorchester "Didje Blows the Games". Oder die sanfte Stimme von Loudovikos aus Kreta mit sehr feinfühligen Arrangements, immer noch eine meiner Lieblings-CDs überhaupt. Schließlich die CD der neuen internationalen Gruppe Bayuba Cante. Vielleicht war es unglücklich dieses Afro-Latino-Flamenco cross-over als Afro-Cuban zu labeln. Aber ich bin mir sicher, daß sich bei mehr Auftritten dieser fröhlichen Gruppe größerer Erfolg einstellen wird.

Bei einigen Musikkritikern ist der Begriff Weltmusik umstritten, bei einigen gar negativ besetzt. Network scheint mit dem Begriff keine Probleme zu haben?

Semantisch korrekt wäre Weltmusik eigentlich anglo-amerikanischer Pop, denn diese Musik hat ihre weltweite Verbreitung und Dominanz in den meisten Radiostationen, Diskotheken und Journalen gefunden -- so wie Jeans in all ihren diversen modischen Ausformungen zur uniform-artigen Welthose geworden ist. Der Begriff Weltmusik wurde meines Wissens vor über Hundert Jahren in Berlin geprägt. Ein Institut dort beschäftigte sich mit der Kunstmusik unterschiedlicher Kulturen unseres Erdballs, kurz darauf kam es zu Konzerten in Europa, u.a. von einem Gamelanorchester aus Indonesien bei der Weltausstellung in Paris. Diejenigen, die meinen den Begriff Weltmusik erfunden zu haben, und sie werden ja nicht müde darauf hinzuweisen, hatten in den frühen 80er Jahren in London ein ganz praktisches Anliegen: sie suchten nach einer Rubrik für die Plattenläden -- und das hat sich bewährt, basta! Hier von Ghettoisierung zu sprechen -- wie z.B. David Byrne -- halte ich für überflüssige Haarspalterei. Wenn jemand bei mir Musik aus Armenien hört und fragt was das ist, dann sage ich doch nicht "das ist Weltmusik", sondern: "Musik aus Armenien, der Künstler heißt Djivan Gasparyan". Wenn diese Person nun in den Plattenladen geht, muß sie nicht unter Tausenden A-Titeln oder Tausenden G-Titeln suchen, sondern geht in die Abteilung Weltmusik und findet dort hoffentlich das Land und den Künstler. Mir ist aufgefallen, daß gerade diejenigen, die keinerlei Probleme haben bei der Popmusik sich respektlos ohne Quellenangaben kleiner Weltmusik-Gewürze zu bedienen, despektierlich über die Folk-Romantiker reden, ohne sich dem ungeheuren Reichtum dieser Musik wirklich zu öffnen. Dieser engstirnige Werteverlust stimmt mich manchmal traurig -- öffentliche Diskurse darüber sind überfällig.

Was ist der Unterschied zwischen Christian Scholze und Christos Scholzakis?

Die griechische Variante meines Namens benutze ich nur bei Produktionen vom Balkan. Kreta wurde zu meiner zweiten Heimat, zum Milleniumwechsel haben wir mit der Pariser Gruppe Bratsch und vielen Freunden, darunter viele Musikern/innen, unser musikalisches Domizil an der Südküste eingeweiht. Vor Jahren bestand mein bester Freund in Kreta darauf, daß ich seinen Sohn taufe. Es sei nur eine kleine Formalität vorher zu erledigen. Eh ich mich versah hatte dieses Schlitzohr mich in frühen Morgenstunden zu meiner eigenen Taufe verführt. Ein alter Pope mit langem Bart verpaßte mir dann bei dieser langen Zeremonie, bei der ich auch noch nackt in eine große Tonne mit Wasser steigen mußte, ganz offiziell meinen zweiten Namen, die Voraussetzung zum Taufpaten war erfüllt.

Warum eine persönliche Website?

Weil sie mir von meinen Mitarbeitern zum Geburtstag geschenkt wurde. Zunächst war mir das peinlich und ich wollte sie löschen. Vielleicht nutze ich sie für Anekdoten von meinen Aufnahmereisen, bespickt mit schönen Fotos.......