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Re(m)betiko – der Blues der Griechen?

Es war ein denkwürdiger Freitag Ende Juni 2004: Ein erstaunlich diszipliniert, flink und leidenschaftlich aufspielendes Team der Griechen besiegte als Außenseiter den müde und desolat wirkenden Champion Frankreich im Viertelfinale der Fußballeuropameisterschaft. Ich erlebe das Spiel mit 200 Griechen und Griechinnen vor einem Großbildschirm in einem griechischen Lokal in Frankfurt/M. In der Pause spielt eine kleine Band Rembetiko. Nach Spielende mischt sich der Jubel mit Sirto- und Zeybebiko-Klängen, die fröhliche Gesellschaft tanzt ausgelassen rund um die Rembetiko-Musiker. Später in der Nacht im Kellerlokal Omikron: Eine andere Rembetiko-Gruppe spielt bis zum Morgengrauen, ältere und recht junge Griechen und Griechinnen tanzen wild und singen viele Texte wie Hymnen mit. Ich bin überzeugt, dass in den vielen griechischen Tavernen in Amsterdam, Berlin, Stockholm, gar Toronto, New York und Melbourne sich zur gleichen Zeit ähnliche Szenen abspielten. Den weiteren Siegesweg des griechischen Teams erlebte ich in Griechenland: Auch hier wurde zu Rembetiko-Klängen gefeiert, getanzt, gesungen; selbst der zentrale Schlachtruf in den Stadien und beim Empfang des Europameisters in Athen entstammt einem Rembetiko-Lied! Auch bei der Eröffnungsfeier und bei der Schlussfeier der Olympiade spielte Rembetiko eine bedeutende Rolle. Der Superstar George Dalaras sang keine Schnulzen, sondern Rembetika-Lieder, und 75 000 Menschen im Stadion sangen und klatschten mit. Angesichts der 50 Bouzouki-Spieler bei diesen Zeremonien sprachen manche gar von einer Rehabilitation dieses Instruments – ich kenne mehrere Musiker, denen der Vater das erste Bouzouki wegnahm und als „verruchtes Instrument“ an einem Olivenbaum zerschmetterte.

Zunächst überrascht es, dass die noch vor gar nicht so langer Zeit verpönte Musik der Randgruppen und Underdogs zu Zeiten von Hochgefühlen eine so große Rolle spielt. Doch angesichts der zunehmenden Vereinzelung, Anonymisierung und Homogenisierung des sozialen Lebens in der westlichen Welt verwundert es weniger, dass es zur Renaissance einer Musik kommt, die stark gefühlsbetont ist, in der Rhythmik zum gemeinsamen oder solo-improvisierten Tanz einlädt und in der Aufführungspraxis nach der Einheit von Musikern und Publikum strebt.

Entstanden ist diese Musik in den subkulturellen Milieus von Entwurzelten am Anfang des letzten Jahrhunderts. Eine Linie geht zurück auf die modale Volksmusik, praktiziert von einem verarmten multikulturellen Gemisch, das durch Landflucht an den Rändern der sich entwickelnden Großstädte zu überleben versuchte. Im Gegensatz zur zunehmend europäisch geprägten Musik des Bürgertums sangen sie türkische Lieder mit griechischen Texten, „weil diese sanften Melodien besser zu ihren bitteren Lebensbedingungen passten“ (Theodorakis). Dann kam es 1922 zur „kleinasiatischen Katastrophe“: Über 1 Million Griechen wurden von der Türkei nach Griechenland zwangsumgesiedelt. Die Flüchtlinge ließen sich in den Hafenstädten von Piräus und Thessaloniki nieder. Mitgebracht hatten sie ihr Lebensgefühl und ihre orientalisch geprägte Musik. In den Tekedes genannten Kaschemmen wurde Haschisch geraucht und musiziert. Es entstand die erste Blütezeit des Rembetiko – orientalisch geprägte Stile entwickelten sich neben tonalen – und es kam zu Mischungen des „Smyrna-Stils“ mit der „Piräus-Schule“. Es war auch die Zeit der großen Typen der Szene, der „Manges“, harte Kerle, kleine und große Ganoven, mit Regeln und sehr bestimmter Kleidung, die bis heute zu Projektionen und Identifikationen einladen: Sie hatten ein hohes Selbstwertgefühl, lebten unkonform, liebten ihre Unabhängigkeit und waren von der Staatsmacht nicht zu kontrollieren. Die Welt der Rembetes war männlich geprägt. Doch bei den unzähligen Schallplattenaufnahmen in den 20er und 30er Jahren spielten einige Frauen mit ihren herausragenden Stimmen eine bedeutende Rolle, bis heute unvergessen: Rosa Eskenazi und Rita Abadzi. Zu Zeiten der Metaxas-Diktatur kam es 1936 zum Verbot der Haschischhöhlen und der dort gesungenen Lieder. Doch die klassischen Formen des Rembetiko lebten teilweise im Untergrund fort. In der Athener Schickeria waren Ausflüge zu den geheimen verräucherten Plätzen und zu den „paradox anmutenden Lufttänzen“ durchaus angesagt. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und des anschließenden Bürgerkrieges galten die Rembetika-Lieder in den Zeiten der Unterdrückung, der Zensur und der Not durchaus als Ausdruck griechischer Identität. „In den Gefängnissen und Verbannungslagern hatten diese Lieder eine fundamentale Bedeutung für die geistige Haltung der Menschen. Sie waren das Element, das uns einte“ (Theodorakis). Rembetiko war nie gezielte Protestmusik gegen die gesellschaftlichen Grundstrukturen – Gegner waren die Ordnungshüter; in den Liedern dominierte der selbstbewusste Ausdruck eines Lebensgefühls. Gefängnisse spielten bei der Tradierung des Rembetiko eine große Rolle. Dort wurden auch kleinste Instrumente wie zum Beispiel die Miniatur-Laute Baglamas, gebaut, die die Rembetes leichter vor den Wärtern verstecken konnten.

Es gibt die Haltung, dass es nach den 30er Jahren, spätestens nach Ende der 40er Jahre keinen wahren Rembetiko mehr gibt und wegen des nicht mehr existierenden subkulturellen Milieus auch nicht mehr geben kann. Aber Vorsicht! Rembetiko durchläuft/durchlief einen permanenten Veränderungsprozess. Wir folgen hier eher Ioannis Zelepos, der einer statischen Perspektive, bei der es immer wieder zu unproduktiven Unterscheidungen von „echt“ und „unecht“ kommt, eine dynamische Perspektive gegenüberstellt, mit offenem Blick auf Revitalisierungen und musikalisch anspruchsvollen Erneuerungen des Rembetiko. Unbestritten ist, dass es im Ringen um kulturelle Identität griechischer Musik immer wieder zu ideologischen Polarisierungen kam: Die orientalisch geprägten Kulturwelten passten nicht in die Europäisierungskur, die unterschiedliche Machthaber der Gesellschaft verordnen wollten – um sie von ihren „barbarischen Elementen“ zu befreien. Trotz der Rehabilitierungsversuche nach dem Zweiten Weltkrieg – u.a. durch Manos Chatzidakis und den jungen Theodorakis – blieb Rembetiko einige Jahrzehnte eine Randerscheinung oder erfuhr in der Plattenindustrie und in den großen Musikplätzen Athens eine Folklorisierung, Homogenisierung und Simplifizierung, die wenig Rembetiko-Spezifisches enthielt. Doch in den letzten beiden Jahrzehnten wurde die zwischenzeitlich vergessene exotische Subkultur wieder entdeckt, es kam zu einem Revival des Rembetiko. Musikgruppen in Griechenland und im Ausland nehmen wieder Bezug auf diese Musik: teilweise in Neuinterpretationen der alten Klassiker, teilweise mit musikalischen Erneuerungen oder Kompositionen, die von aktuellen Gefühlen geprägt sind. Diesen neuen Musikkosmos haben wir hier zu dokumentieren versucht. Einige Beispiele: Mit dem Projekt „At the Cafe Aman“ mit Niki Tramba, Ross Daly und Labyrinth haben wir Ende der 90er Jahre in Athen die alte Welt des Smyrna-Stils mit den damals verwendeten Instrumenten zu rekonstruieren versucht – mit jungen Musikern, die sich entgegen der „political correctness“ schon länger mit ottomanisch geprägter Musik beschäftigten. Wir hören – leider nur in einem kleinen Ausschnitt ihres großen Repertoires – die virtuose und kreative Gruppe Apodimi Compania aus Australien. Die Zotos Kompania aus Berlin fügt behutsam klassisch geprägte Elemente ein und zeigt, dass Verfeinerungen nicht zur Einbuße der ursprünglichen Vitalität führen müssen. Die „Rembetika Hipsters“ aus Kanada dokumentieren einen frech-fröhlichen Umgang mit dem Genre: Da heißt ein Stück „Erdbeer-Moussaka über alles“, im nächsten Stück qualmt die Pfeife inmitten der erotischen Atmosphäre eines Hamam, sich selbst nennen sie auch „Architects of Narghile“. Die Gruppe „Palio-Paréa“ aus Amsterdam verbindet die musikalischen Linien des Rembetiko mit neuzeitlicher Poesie oder mit Gedichten von Kavafis. Der katalanische Rembetiko-Liebhaber Miquel Gil singt mit tiefstem Gefühl in seiner Muttersprache … Und wir hören auf diesen beiden CDs viele Taximi, emotional geprägte, improvisierte Einleitungen oder Zwischenparts. Die Kommerzialisierung des Rembetiko in der frühen Schallplattenindustrie hatte wegen der begrenzten Kapazität der Tonträger dieses Element völlig ausgeblendet und stand damit im krassen Widerspruch zur Aufführungspraxis in den Lokalen. Und wir hören gelegentlich dieses „ach“. Wohl nur im Rembetiko kann eine Silbe an der richtigen Stelle eine Mischung von Schmerz, Sehnsucht und Freude zum Ausdruck bringen.

Die Wiederannahme des Rembetiko in seiner Tiefe und Vielfalt, d.h. auch seiner orientalischen Wurzeln, könnte eine bedeutende Rolle im neuen Gesellschaftsbewusstsein und im Ringen um nationale Identität dieses Landes und seiner vielen im Exil lebenden Mitbürger spielen. Zwischen zwei großen Kulturräumen gelegen und von beiden geprägt, fällt der Umgang mit sich selbst dann schwer, wenn die eine Seite ausgeblendet wird. Vielleicht gelingt es ja dem Revival dieser Musik, die in den hier vorgestellten Formen ein Verschmelzen von Orient und Okzident zum Ausdruck bringt, so manche irrationalen Probleme (Europa versus Orient, purer versus unechter Rembetiko etc.) in eine wohlriechende Rauchwolke aufzulösen.

-- Christos Scholzakis