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Nomaden im Fluge
Oder: Eine Woche mit Bratsch auf Kreta

Jahrtausendwende an der Südküste Kretas. Bratsch hat mit anrührender Musette-Musik Hunderte von Menschen in die kleine Hafengasse von Agia Galini gelockt. Charmante Französinnen verteilen Gläser mit Champagner. Ein deutscher Pyromane entfacht unten am Hafen ein großes Feuerwerksspektakel. In der kleinen Gasse mischen sich Rauchschwaden von bengalischem Feuer mit den Düften von mehreren Grillplätzen.

Der Stimmungskreisel beginnt sich nun wie entfesselt zu drehen: Bratsch spielen Bauchtanzmusik. Der kleine Wirbelwind Giorgos (der Fischer mit angeschlossenem Fischrestaurant – bei den vielen Giorgos, Nikos, Yannis empfiehlt es sich, immer den Beruf, eine Eigenart oder einen Spitznamen dranzuhängen), Giorgos „Pharos“ also lacht inmitten seiner vielen Falten, wie sie nur ein Fischer haben kann, stellt einen Tisch mitten auf die Gasse, erfasst dann zielsicher den Arm von Kiki, umgreift mit seinem anderen Arm die Kniekehlen dieser Schönheit und trägt sie zum Tisch. Mit Hilfe des heute besonders herausgeputzten Giorgos (der mit der Tankstelle) landet Kiki nun auf dem Tisch. Sie lacht, schaut verführerisch in die Gesichter der Musiker, die nun noch ausgelassener spielen. Kiki tanzt. Bei ihren kreisenden Bewegungen gewährt die fast nur aus kleinen Lederbändchen bestehende winzige Bluse Einblicke, die den anwesenden Pubertierenden die Röte ins Gesicht treibt, und manch einer wünscht sich, dass die langen, lockigen Haare nicht so oft die Sicht verdecken. Ihr kreisender Bauch ist frei, die Mode des nächsten Jahrzehnts antizipierend, und manchmal spiegelt sich der Mond auf der glänzenden Haut. Nano spielt seine Klarinette mit Zirkularatmung und reckt sein Instrument zum Himmel, der hier so viel näher ist; Dan singt mit seiner tiefen Stimme zu seiner Bouzouki und zwinkert Kiki unentwegt zu; Pierre steht mit seinem Kontrabass lasziv daneben und nickt fleißig, wenn ihm ein Gläschen an den Mund gehalten wird. François rückt mit rollenden Augen der Kiki immer näher und schon scheinen ihr Bauch und sein Akkordeon eine Einheit zu bilden. Als dann ein eleganter Jüngling mit dunklem Teint auf den Tisch springt – mit seinen Lackschuhen und den langen Koteletten neben seinen Ohren könnte er direkt aus einem Film von Kusturica zu uns gekommen sein –, ein Bein zwischen die ihrigen schiebt und dann sehr eindeutige rhythmische Bewegungen macht, lässt Bruno den Bogen auf der Geige tanzen, als sei es ein Liebesakt.

Die Gasse vibriert. Mit instinktivem Gespür für die Situation spielen Bratsch nun ein aus Makedonien stammendes Tanzstück. Dan spielt auf der Bouzouki schnelle Akkorde, immer wieder unterbrochen durch kleine filigrane Soli. Dazu singt er mit seiner rauchigen Stimme. Bruno spielt die Geige zunächst in der emotionalen Tiefe des legendären Ion Petre Stoican, dann entlockt der Bogen den Saiten teils sentimentale, teils wilde Töne in den höchsten Lagen. Nano lässt seine Klarinette jauchzen, jammern, jubilieren. Die Finger von François fliegen über die Tasten des Akkordeons, in die balkanesken Figuren mischt er kleine Phrasierungen, die an Charlie Parker erinnern. Pierre zupft beschwingt die dicken Saiten von seinem Kontrabass und gibt dem Ganzen Begleitrhythmik und Tiefe. Als das Stück in den unverwechselbaren mehrstimmigen Gesang der Gruppe mündet, legt der Bankdirektor seinen Arm auf Dans Schultern, verdreht die Augen und singt lauthals mit. Giorgos (diesmal der Architekt) tanzt lachend mit seinem Sohn auf der Schulter und der kleine Knirps erzählt noch heute: „Ich habe die Verrückten aus Paris gesehen.“ Popis schwarz-weiß gescheckter Hund „Orca“ hat wohl zu viel Alkohol vom Boden geleckt und versucht nun als Brummkreisel unentwegt inmitten dieser vielen Beine seinen eigenen Schwanz zu fangen.

Das Treiben verlagert sich in die Taverne von Kosmas. Giorgos (diesmal der Lyraspieler und Musiklehrer) gesellt sich mit Lauten- und Mandolinenspielern zu Bratsch. Das nun um kretische Musiker erweiterte Orchester ist nicht mehr zu bremsen. Sie spielen als eine Einheit, entstanden in dieser fast unheimlichen Atmosphäre von Kreativität und Wildheit. Der mitgereiste Philosoph spricht von „transzendenter Metamorphose“, doch seine junge Begleiterin ruft nur: „Komm weg vom Rand und fliege mit!“ Yannis, der uns stets in bester Laune begleitende Kapitän, springt auf und wirft lachend einen Teller etwas zu hoch: Die antike Deckenlampe fällt auf eine große Salatplatte. Die Musiker spielen automatisch in dem nunmehr dunkleren Raum etwas leiser. Jean-Mo, ansonsten für das Bühnenlicht der Gruppe zuständig, ist erregt: „Hier machen selbst die Teller das Licht“, und Gilles, der Sound-Mann der Gruppe, ergänzt: „...und auch die Tontechnik. Wenn das so weitergeht, werden wir beide arbeitslos.“

In den Morgenstunden steht Dan mit seiner Bouzouki zwischen den Fischerbooten am Hafen und singt mit unterdessen noch heiserer Stimme alte Lieder aus den damaligen Haschisch-Kneipen der Rembetes in Piräus. Unser Philosoph, unterdessen wieder gelandet, stellt die nicht unberechtigte Frage nach „omnihistorischen, intersubjektiven Korrelaten bei der Wahrnehmung guter Musik“. Seine Freundin blickt auf Dan und antwortet: „Du meinst diesen ominösen Gänsehautfaktor, oder?“ Und immer wenn Dan eine Pause macht, sendet der Esel Hyronimos aus dem benachbarten Tal von Agios Georgios seine brünstigen Töne herüber. Ein mitgereister Städter missdeutet diese Klänge und ruft: „Bratsch hat die ganze Gegend verzaubert, und wie man hört, auch erotisiert.“ Damit hat er die Semantik des Ganzen auf die Quarks gebracht ...

Wir machen uns auf nach Anogia, dem letzten Ort bei der nördlichen Anfahrt zum höchsten Berg Kretas, dem majestätisch anmutenden Psiloritis. Der Musiker Loudovikos – die sanfte Stimme Kretas – spielt und singt einige Balladen für Bratsch in der von ihm erbauten „Kirche der Liebe“. Wenig später, in einem riesigen Ausflugsrestaurant, kniet Dan vor Loudovikos und antwortet mit einer armenischen Ballade. Die anderen Musiker von Bratsch kommen hinzu und es entsteht eine weitere musikalische Spirale, getragen von den Extremen balkanesker Musik: tiefe, sentimentale Träume und wilde Leidenschaft.

Auf der Klimax der Ekstase steckt Giorgos (der mit dem Raki im Kofferraum) seinen Kopf zwischen die Beine von Bruno – urplötzlich spielt unser Geiger sein Solo in einer Sirba lachend eine Etage höher auf einem tanzenden kretischen Zorbas. Die mitgereiste Kolumbianerin fühlt sich in den Karneval von Barranquilla versetzt und schwingt ihren Körper Salsa tanzend um die beiden. Unser Philosoph, auch ein ausgewiesener Shakespeare-Experte, denkt an König Lear und ruft laut: „Oh Gott, lass mich nicht verrückt werden!“ Diesmal hat er seine Freundin nicht dabei und beschließt zu Fuß über die schneebedeckten Berge zurückzulaufen. Giorgos ruft ihm nach: „Da wirst du bestimmt den kauzigen Musiker Psarantonis treffen und kannst dann mit ihm Steine zum nahen Mond werfen.“

Der sehr erfolgreiche Musiker Skoulas, dem das Restaurant gehört, beobachtet das wilde Treiben und beschließt erstmals mit der Regel zu brechen, nie live in seinem Lokal zu spielen. In den Morgenstunden lauschen Bratsch andächtig Liedern des Widerstands: Risitika. Ioanna, die Professorin, übersetzt: Sie handeln vom Blut, das unter den Steinen klebt; vom Stolz und von der Ehre der Kreter, vom Kampf gegen Besetzer und Unterdrücker; aber auch vom endlosen Feiern und der lodernden Leidenschaft Liebender ... Die inneren Vibrationen des Mikrokosmos Bratsch sind zu spüren und ich bin mir sicher, dass sie in den nächsten Jahren mindestens eines dieser Lieder in ihr Repertoire aufnehmen werden. Sie werden die träumerische Kraft der Tradition aufgreifen, sicher aber auch einige Regeln brechen, denn sie haben keinen Sinn für definitive Gestaltungen. Spätestens hier fragen wir uns: Was macht diese Gruppe für uns so einzigartig? Sind sie moderne Tradtionalisten? Es gibt keine Schublade, die für diesen Mikrokosmos passen würde. Sie erspüren die jazzigen Elemente der Musik des Balkans und des mediterranen Raumes, ihre kreativen Verformungen erzeugen eine neue musikalische Essenz. Sie geben und nehmen sich Freiräume für Improvisationen – das Ende der Stücke kann dann mal bodenständig, mal wirr sein, aber es ist immer fröhlich, denn die Reise geht weiter. Die Lust und der Spaß an der Musik sind ihr Lebenselixier. Da mischen sich Trauer, Widerstand und Schwermut mit Hochgefühl, Humor, Wildheit und Ekstase; Kindliches mit plötzlicher Ernsthaftigkeit. Im Alltag und in der Musik lieben sie Anekdoten, manchmal werden sie selbst zur gespielten Anekdote, um dann doch wieder blitzschnell die Szenerie auf unexaltierte, natürliche Weise in ein kompliziertes Stück im 7/8-Rhythmus aufzulösen. Europäische Soulmusik mit Elementen von Swing? Sie nehmen ihr Publikum mit auf Traumreisen, wobei Wege und Ziele nie eindeutig sind. Diese Spannung hat etwas Anarchisches: Sie erweckt im Publikum Lust, mit ihnen an inneren und äußeren Grenzpfählen zu wackeln. Diese grenzüberschreitende Lust ist bei Bratsch echt: Bei dieser Erfahrung gewinnt der Begriff des Authentischen eine andere Dimension. Ich erinnere mich an passende Worte des französischen Musikkritikers Bernard Davois: „Bratsch, das sind Strömungen des Imaginären, um im Wind zu schweben – wie ein fliegender Teppich, der das Publikum mitnimmt, jenseits von festen Genres und Grenzen.“

Vor der Abreise wird neben einer weiß-blauen Villa mit Blick auf das Libyische Meer in einem feierlichen Akt eine „Bratsch-Palme“ gepflanzt. Die fünf Musiker von Bratsch stehen an einem Hang zwischen lokalen Musikern, darunter Lefteris mit seiner Lyra, Grigoris und Miros mit ihren Lauten. Sie spielen wie selbstverständlich eine rumänisch-kretische Doina. Der Besitzer des Hauses weint vor Rührung und schwört zu den Göttern des Olymps diese Palme mehr zu pflegen als alle Heiligtümer dieser Erde. Doch dann, und das ist Bratsch, geht diese sentimentale Weise in ein fröhlich freches Klezmer- Stück über. Ein internationales Gemisch von Menschen tanzt ausgelassen um die Bratsch-Palme.

Beim Rückflug sitze ich zwischen Bruno und Dan. Bruno haucht mit extrem heiserer Stimme: „Mensch, war das eine verrückte Woche; die Lyra ist ein verflucht schnelles Instrument.“ Er zeigt mir die Hornhaut an seinen Fingern. Dan erzählt mir eine Geschichte: „Die Gharibians stammen aus Armenien. Sie waren clevere Geschäftsleute, nutzten die günstige geostrategische Lage an der Seidenstraße bei dem Warenverkehr von Ost nach West und ungekehrt. Im 18. Jahrhundert blühte der Handel, insbesondere mit Frankreich. Unsere Familie kooperierte mit der russischen Kaufmannsfamilie Stroganow, wir lieferten Salz und gepökeltes Fleisch, die Stroganows brachten uns Pelze aus Sibirien, ein wertvolles Handelsgut für die französische Aristokratie. Wir hatten auch ein Lokal, die Gharibians waren als Meisterköche über Armeniens Grenzen hinaus berühmt. Nach der Französischen Revolution gab es beim Warenverkehr immer wieder rechtliche Probleme, die in Burgund lebende Advokatenfamilie Girard half uns dabei. Zwischen beiden Familien entstand eine enge Freundschaft.“ Und Bruno fährt fort: „Nicht nur am russischen Hof war hochwertiges Porzellan aus dem Limousin gefragt. Mit der Familie Peyleyt, die dort lebte, fanden wir die richtigen Partner. Die Jacquets lebten in der Normandie, ihre Wurzeln reichen bis zu den Wikingern. Sie halfen uns beim Handel mit England, im letzten Jahrhundert sollen sie sich auf Ventilatoren spezialisiert haben. Jährlich trafen sich diese Familien zu einer Feier in Paris. Der Zufall wollte es, dass Dan, Pierre, Nano und ich Musiker waren. Wir beschlossen vor über 20 Jahren eine Musikgruppe zu gründen, quasi eine neue kleine Familie in diesem großen Familienverbund. Doch uns fehlte der fünfte Mann. Die Familie Castiello aus Neapel, über die wir früher Waren nach Marseille und Valencia exportierten, war die letzten Jahre nicht mehr zu den jährlichen Treffen gekommen. Doch wir hatten gehört, dass einer der Nachfahren ein leidenschaftlicher Musiker sein sollte. Wir machten uns auf den Weg nach Neapel. Die Großmutter der Castiellos spannte gerade eine Wäscheleine zwischen zwei Häusern in der Altstadt. Sie schickte uns zu den Kneipen am Hafen, dort würde ihr Enkel irgendwo musizieren. Kurz nach Mitternacht wurden wir fündig. Da spielte der François in einer Spelunke Bauchtanzmusik auf seinem Akkordeon, vor ihm tanzte eine algerische Schönheit ... na ja, den Rest kennst du ja ...“

Am Flughafen von Athen trennen wir uns mit Tränen in den Augen und fliegen in verschiedene Richtungen. Sie haben auf ihre so natürliche Art bei uns, bei den vielen neuen kretischen Freunden Gefühle der Liebe entfacht ... Wann sehen wir uns wieder? ... Doch es ist schwer, diese Reisenden für längere Zeit aufzuhalten, denn sie haben – hoffentlich –, noch viel vor.

Noch Jahre später stellt Kosmas in einem andächtigen Ritual jeden Abend den Tisch an die gleiche Stelle, an der Kiki so leidenschaftlich und erotisch für sich, für Bratsch und für uns alle getanzt hat. Dies mit einem Gefühl schöner Erinnerungen, getragen auch von den Hoffnung auf Wiederkehr – wohl wissend, dass ohne Bratsch in diesen ansonsten so trostlosen Wintertagen hier niemand grenzüberscheitend gesungen, getanzt, getobt, geträumt hätte.

Yammas! Eviva, kie Chronia Polla Filli mou!

Christos Scholzakis