ESSAYS > Island Blues

Kleines Mosaik von Inselphantasien – oder: „Sie ruft mit ihrem Duft wie eine Kurtisane die Nie-entdeckte Insel“. (Guido Gazzano)

Inseln üben für viele, und der Autor dieser Zeilen gehört dazu, eine fast magnetische Anziehungskraft aus. Ist es der hier eher zu realisierende Traum von einem anderen Leben? Die Erfahrung grenzenloser Weite? Das veränderte Raum-Zeit-Gefühl? Die klare Luft, der weite Blick? Die in der Regel langsamere Gangart der Menschen auf Inseln? Meerumschlungen auf einem überschaubaren Raum geborgen zu sein? Der naturnahe Antipode zur durchorganisierten industriellen Gesellschaft? Wohl von alledem etwas.

Die romantische Südsee mit ihren Palmenstränden, türkisfarbenen Lagunen, in farbigen Tüchern gehüllten schönen polynesischen Frauen ist aus unseren Inselträumen nicht wegzudenken – schon gar nicht der Mythos Tahiti mit seiner überdauernden Symbolkraft. Die Berichte von Louis Antoine de Bougainville über die „freizügigen, nackten Nymphen mit ihren göttlichen Körpern“ zogen viele Europäer an. Die Beschreibungen der Kontakte zu den Insulanerinnen gingen oft bis in pikante Details und trafen voll auf die unterdrückten Triebstrukturen eines Europas, das sich im sprichwörtlichen Sinne im Korsett befand. Der Schriftsteller Jean Paul gab offen zu, dass die Südseeberichte ihn „lüstern“ machten. Als Familienpflichten und Geldknappheit Paul Gauguin für kurze Zeit nach Frankreich riefen, schrieb er beim Abschied: „Lebe wohl, gastfreundliche Erde, köstliche Erde. Heimat der Freiheit und der Schönheit! Ich scheide zwei Jahre älter und zwanzig Jahre jünger, barbarischer auch als bei meiner Ankunft, und doch wissender. Ja, die Wilden haben den alten Kulturmenschen viele Dinge gelehrt, diese Ungebildeten, viele Dinge vom Wissen um das Leben und von der Kunst, glücklich zu sein.“ Als er wieder zurückkam, fand er enttäuscht ein anderes Tahiti vor: „Das war ja Europa – jenes Europa, von dem ich loszukommen geglaubt hatte –, dazu unter den erschwerenden Aspekten des kolonialen Snobismus.“ Er zieht auf die abgelegeneren Marquesas-Inseln. Hatte er früher das Motto „Seid geheimnisvoll und seid glücklich“ auf seiner Hütte stehen, stanzte er nun „TE ATUA – Die Götter sind gestorben“ über seinen Eingang.

Egalitäre Verhältnisse zum Besitz, freizügiges Leben – nicht einmal Worte für Treue oder Eifersucht gab es in der Sprache der Tahitianer – wurden zu Konstrukten eines idealen Gesellschaftsmodells in einem Wechselspiel von natürlicher Vernunft und vernünftiger Natur. Rousseaus Naturverständnis hatte konkrete Gestalt gefunden. In Diderots berühmten fiktiven Dialogen wird Tahiti zum Argumentationsmodell gegen die Denaturiertheit des in ökonomischen und moralischen Fesseln befindlichen Europas. Seine Forderungen nach Antikolonialismus, Herrschaftsfreiheit und universaler Bedürfnisbefriedigung gingen weit über die Ideale der bürgerlichen Revolution hinaus.

Für die Utopienliteratur waren Inseln häufig Schauplatz idealtypischer Gesellschaftsmodelle. Am Beispiel von Poseidons Insel Atlantis beschrieb Platon eine Gesellschaft, die sich durch Friedlichkeit und tugendhaften Respekt vor der ungeheuren Fülle von Reichtümern auszeichnete. Erst als Habsucht und Machtgier an die Stelle dieses Respekts traten, folgte die Strafe des Gottes Zeus. Die Insel versank und wird bis heute gesucht. Utopia, Thomas Morus’ Musterstaat vernunftbegabter Menschen, war zunächst mit dem Festland verbunden. Erst als Utopus die Landverbindung unterbrechen ließ, konnten sich auf dieser Insel die Einmaligkeit und Besonderheit seiner Schöpfung entfalten.

Heute sind solche auf Inseln projizierte Konstruktionen idealer Gesellschaftsmodelle kaum noch denkbar. Auch die Inseln, selbst die entlegensten, sind Teil einer nur durch eine Norm geprägten eindimensionalen Globalisierung von ökonomischen und kulturellen Werten. Die Frage: Wer? globalisiert Wen oder was für wen oder was?, und: Gegen wen oder was?, die eigentlich an jedem Globalisierungspunkt konsequent immer wieder neu zu stellen und möglichst zu beantworten ist, bleibt weitgehend ausgeblendet. Für Inseln wäre z. B. das WTO-Diktat von überteuertem Saatgut und dazugehörenden Pestiziden mit all seinen zerstörerischen Auswirkungen zu durchleuchten – die Rückkehr zu Mischkulturen eine gesunde Alternative. Doch nicht nur Monokulturen bedrohen viele Inseln, auch die Erwärmung und Verschmutzung der Meere (Fischarmut, Ausbleichen der Korallenbänke, Anstieg des Meeresspiegels).

Inseln sind Teil des Ganzen und trotzdem anders. So wenig es die „Natur an sich“ gibt, so wenig gibt es auch „den/die Insulaner an sich“. Dennoch: Selbst bei konsequenter Vermeidung ahistorischer Abstraktionen drängt sich dem Inselkenner und -liebhaber die fast apodiktische Behauptung auf: Die Insulaner sind anders. Doch was ist das? Der ausgeprägte Stolz auf das Stück Erde, das keine direkt angrenzenden Nachbarn hat? Ein Stolz, der erwachsen ist aus der Abwehr von oft lang andauernden Eroberungsversuchen und auch aus dem Überwinden der Herausforderungen der Natur? Die Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber, der hier eher als anderswo zu einem Getränk, zu einem köstlichen lokalen Mahl eingeladen wird? Ein Urinstinkt der Insulaner: den Reisenden bei seiner Ankunft als ersten Ausgleich für seine lange Anreise mit etwas Köstlichem zu belohnen und ihm bei der Abreise etwas mit auf den Weg zu geben. Die hier stärker ausgeprägte Bereitschaft zum mutigen Kampf um den Erhalt der eigenen Kultur, der selbst bestimmten Lebensweise, aber auch jahrhundertealter Traditionen?

Und: Die Insulaner fühlen sich dem Himmel näher. Wo sonst, wenn nicht auf einer Insel mit ihrer klaren Luft, kommt jemand wie Psarantonis in Kreta auf die Idee, Steine zum Mond werfen zu wollen (2/12)? Und das genau an dem Ort, wo Zeus, der Gott der Götter, geboren wurde – Zeus bedeutet der Leuchtende (dyaus = Glanz, Himmel, Helligkeit) –, die Griechen haben den lichten Himmel zu ihrem höchsten Gott gemacht. Auch Henry Miller zog es an diesen Ort. Er kommt an der Südküste Kretas zu dem Schluss, dass diese verlockende Erfahrung der Himmelsnähe eine rauschhafte Suche nach kosmischer Weite auslösen kann: „Den Himmel zu erreichen ist nichts, ein Kinderspiel von diesem erhabenen irdischen Punkt aus, aber jenseits davon zu gelangen, auch nur für einen Augenblick den Glanz und die Pracht jenes leuchtenden Reiches zu erreichen, in welchem das Licht der Himmel nur ein schwacher, kümmerlicher Schimmer ist, ist unmöglich ... Hier möchte man im Himmel baden, möchte sich der Kleider entledigen und sich in das Blau des Himmels stürzen. Man möchte in der Luft schweben wie ein Engel.“

Nicht zufällig haben viele Inseln Namen des Lichts, die Marquesas-Inseln heißen übersetzt „Welt des Lichts“, die Insel Raiatea „Himmel der Klarheit“. Ist es die größere Himmelsnähe, die uns hier zu höchsten Glücksgefühlen, zur Lust am Verschmelzen mit dem Universum einlädt? „Aber zieht man sich einmal auf ein Eiland im Meer des Raumes zurück, dann beginnt der Augenblick in großen Kreisen zu schwellen und zu wachsen, die feste Erde ist versunken, und die schwankende dunkle Seele findet sich wieder in der zeitlosen Welt. Das Universum des Raumes umwirbelt uns“ (D. H. Lawrence). Jean-Jacques Rousseau, der lange auf einer Insel gelebt hatte, sehnte sich immer wieder an diesen Ort zurück, in einen Zustand, „dessen Zauber jedoch durch seine Dauer erhöht wird, so dass man darin endlich die höchste Glückseligkeit erreicht“. Charles Baudelaire macht sich voller Erwartungen auf den Weg nach Cythera: „Eiland der süßen Heimlichkeiten und der Feste des Herzens! Der Venus altes Hochbild schwebt nachgeisternd noch auf deinen Meeren wie ein Duft und macht die Seelen liebessiech und sehnsuchtsvoll“. Unsere Sehnsucht nach Inseln scheint hoffnungsvoll auf Orte gerichtet zu sein, um uns dort in aller Abgeschiedenheit die Welt innerlich und äußerlich neu zu erschaffen – zumindest im Traum.

Diese kleine Traumreise in die musikalische Gefühlswelt der Inseln bewegt sich entlang bluesiger Balladen, die abseits der großen Gesellschaften Geschichten von persönlichen Erfahrungen, vom Leid und dessen Überwindung, von Sehnsüchten erzählen. Ziel war es, Stimmungsräume in fünf größeren Gebieten aufzuspüren und dort etwas zu verweilen. Auf ein hektisches Inselspringen wurde bewusst verzichtet. Andere Reiserouten und -stationen sind denkbar – doch nun die Segel hoch!

Die Reise beginnt auf der Inselgruppe der Komoren ...