INTERVIEWS > Zu den Fragen von Batonga

Intension: Musikalische Traumreisen rund um unseren Erdball zu machen, dabei einige Schätze ausfindig zu machen…. Schätze, die wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und dann gut verpackt und beschrieben dem Publikum zugänglich machen wollen

Network wurde 1979 gegründet, im April 1980 erschienen bereits die ersten 20 Publikationen. Der Schwerpunkt lag damals in politischen Themen…“oral history“, „Geschichte von unten“  auf 1-4 Toncassetten mit Begleitbüchlein. Musikproduktionen waren in der Minderheit, eher ein persönlicher Wunsch von mir. Als Gutachter für Entwicklungsprojekte hatte ich die Welt bereist, in mir brodelten die musikalischen Begegnungen, die ich vor allem in Afrika und in Südamerika hatte. Die erste Studioproduktion war hier in Frankfurt mit Musikern aus Brazzaville, mein Freund Kojo Samuel von der liberianischen Gruppe Kapingbdi war als Gastmusiker dabei. Wir hatten nicht viel Geld und ich erinnere mich noch, daß ich immer wieder auf die große Studiouhr schaute und im Kopf die Stundenpreise addierte. Das hat sich freilich im Laufe der folgenden Jahre geändert,  auch aus Prinzip: unter Zeitdruck läßt sich keine gute Musik produzieren. Der Focus sollte auf der kreativen Entfaltung aller Potentiale, die in der jeweiligen Musik verborgen sind, liegen. Genügend Zeit ist wichtig. Ich habe aber auch gelernt, daß das Arrangement von guter Atmosphäre genau so wichtig ist wie die Arrangements der Musik. Es folgten dann ein längeres Portrait der Musik von Dollar Brand ( heute Abdullah Ibrahim), die Dokumentation eines großen Musikfestes der Musik von Roma uns Sinti, Aufnahmen mit der Gospelgruppe „The Jackson Singers“ Die Musikproduktionen waren viel erfolgreicher als die politischen Dokumentation; so wurde Network nach und nach zu einem reinen Musiklabel.

In den 90er Jahren kristallisierten sich dann drei große Säulen unseres Programms heraus. 1. Die Reihe WorldNetwork mit 49 Titeln. Diese Reihe entstand in Zusammenarbeit mit der größten und reichsten öffentlich-rechtlichen Radiostation WDR. Die hatten ein riesiges Archiv mit Aufnahmen von Musik aus aller Welt. Mit dem Weltmusikliebhaber und Archivar Jean Trouillet hatte ich den richtigen Partner für dieses spannende Unterfagen gefunden. Der Leiter des Musikarchives war von unserem Konzept des Aufbaus einer längeren Reihe sehr angetan – andere Labels wollten da nur einige Rosinen herauspicken, das hatte ihm nicht gefallen. So entstanden immer 7 CDs zugleich, alle 1-2 Jahre. Das Konzept war von Anfang an sehr erfolgreich, es gab viele nationale und internationale Auszeichnungen. Jede CD widmete sich einem Land. In einigen Ländern war der WDR nicht so aktiv, es entstanden nach und nach Koproduktionen für diese Reihe, So flog ich zum Beispiel nach Rio de Janeiro um dort Paulinho da Viola mit seinem Ensemble und einigen Gastmusikern aufzunehmen. Paulinho ist mit seiner warmen Stimme ein kleiner Gott unter den Sambistas..leider ist er kaum zu interkontinentalen Reisen zu bewegen, deswegen in Europa nicht so bekannt. Andere Koproduktionen realisierten wir im Senegal (mit Youssou N’Dour und Yande Codou Sene), in Australien (mit Didjeridous und Gästen auf diversen Instrumenten), in Griechenland (mit Musik aus Epirus), in Cuba (mit verschiedenen Gruppen).

Einige CDs waren sehr, sehr erfolgreich und das Publikum wünschte mehr von den jeweiligen Gruppen. Da diese Reihe nach Ländern sortiert war, machte es keinen Sinn eine Gruppe oder ein Land hier zwei mal auftauchen zu lassen. So entstand quasi automatisch eine zweite Säule unseres Programms, die wir intern „special editions“ nannten.  Beispiel Sexteto Mayor: Immer wieder wurden wir nach mehr Musik dieses fantastischen Tangoorchesters gefragt. So flog ich nach Buenos Aires und wir erarbeiteten dort eine weitere CD. Als Gast hatten wir Adriana Varela mit ihrer rauchigen Stimme eingeladen. Ein weiteres Beispiel ist Djivan Gasparyan. Am Ende der Aufnahmen, die wir in Deutschland für die WorldNetwork- Reihe gemacht hatten, fragte ich ihn, welche musikalischen Träume bei seiner langen Karriere auf der Strecke geblieben sind. Nach ein paar Wodkas kam er enthusiatisch mit der Idee, andere Musiker seines Alters in Armenien zu versammeln und ein größeres Orchester zu bilden. Neun Monate später war ich in Armenien und erlebte neben der enormen Gastfreundschaft in diesem fast vergessenen Land die hohe Virtuosität dieser älteren Herren und Damen. Diese Reihe besteht fast ausschließlich aus Eigenaufnahmen, die wir zumeist in den jeweiligen Ländern gemacht haben. Es folgten Aufnahmereisen nach Zanzibar, mehrfach nach Cuba, nach Istanbul,  Budapest, Athen, nach Ecuador, zu den ABC-Inseln in der Karibik….Einige der Gruppen, wie z.B. das Instanbul Oriental Ensemble, wurden durch diese Reihe ins Leben gerufen, haben zwischenzeitlich mehrere CDs mit uns aufgenommen und touren  unterdessen sehr erfolgreich weltweit.

Die dritte Säule unseres Pogramms, die großen Anthologien, entstand 1995 mit Desert Blues. Wir hatten schon die Idee, auf mindestens zwei CDs eine Reise in die Welt der Balladen rund um die Sahara zu machen, doch uns fehlte eine attraktive Verpackung, u.a. um auch mit größeren Fotos arbeiten zu können. Durch Zufall entdeckte ich dann ein Weihnachtsgeschenk der Banko di Roma: ein hochformatiges Paket, mit zwei CDs und  viel Platz für Fotos und Texte. Die Entscheidung war gefallen – leider protestierten die Vertriebe und die Plattengeschäfte. Dieses Format paßte nicht in die Standardregale für CDs. Doch wir ließen uns nicht beirren, boxten das Paket in die Läden..die Nachfrage war so groß, daß die Läden bald nach weiteren Titeln dieser Art fragten.  Für diese Reihe wollten wir uns jeweils auf die Musik einer Subkultur, eines subkulturellen Millieus konzentrieren. Akustische, sinnliche Aufnahmen, wobei Balladen häufig im Mittelpunkt standen und stehen. Es folgte Road of the Gypsies, Sufi Soul, Balkan Blues, The Soul of Klezmer, Island Blues.... und kürzlich Desert Blues 2. Nach nunmehr 12 solcher Editionen sind jetzt zwei neue Pakete hinzugekommen, quasi als kleine eigene Reihe innerhalb dieser Anthologien: Das sind Portrait von „living legends“, jeweils als Rückblick auf die  Geschichte einer Gruppe, ergänzt durch aktuelle Neuaufnahmen speziell für diese Edition. Mit der Gruppe Bratsch (anläßlich ihres 25-jährigen Jubiläums) und mit dem Sexteto Mayor (anläßlich ihres 30-jährigen Jubiläums) haben wir den Anfang gemacht. Wenn das Publikum diese Reihe annimmt – im Moment sieht es so aus – werden wir sie suksessive ausbauen.

Doch das geht alles bewußt sehr langsam. Die Arbeit an einer sorgfältigen Complilation ist ungleich größer als an einer Neuproduktion. Leider ist der Markt voll mit schnell und schlecht gemachten Kompilationen – da wird man zwischen Elektronik und Akustik, zwischen verschiedenen Stimmungen und Stilen lieblos hin und her geworfen…Bei uns ist das ziemlich anders. Wir arbeiten 1-2 Jahre an einer Anthologie…wählen zunächst grob, aber sehr sorgfältig aus der Fülle der gesammelten Musiken aus..dann folgt die lustvolle aber manchmal auch schmerzhafte Feinselektion; da muß auf manch schönes Stück zur Vermeidung von zu viel Ähnlichkeiten verzichtet werden; dann fehlt vielleicht eine bestimmte Stimmung und die Suche geht weiter. Am Ende steht dann der letzte Akt der Endzusammenstellung. Das dauert sehr oft mehrere Wochen. Fast immer das gleiche Spiel: in der Nacht eine Idee, dann alles bis 4 Uhr früh überspielt. Am nächsten Tag mit etwas Abstand ergibt die Überprüfung, daß es einige Brüche gibt..die Arbeit geht von vorne los. Am Ende soll es dem Thema optimal gerecht werden und wie eine große Symphonie klingen. Der Arbeitsprozeß ist also genau das Gegenteil von den Schnellschüssen, die es zur Fülle auf dem Markt gibt. Nach dem großen Erfolg von Desert Blues wurden wir von vielen Seiten bedrängt eine Fortsetzung herauszugeben. Letztlich hat es sieben Jahre gedauert bis vor kurzem schließlich Desert Blues 2 erschien. Wir wollten dass hohe Niveau der ersten Edition halten, möglichst gar überbieten, auf keinen Fall eine Kopie herausgeben. Das Warten hat sich gelohnt und es kam die erhoffte Reaktion vom Publikum und von der Presse.

Daß Musik aus Osteuropa, aus Rußland und vom Balkan ein wichtiger Bestandteil des Network-Programms ist, hat mehrere Gründe. Zunächst autobiografische: Mutter aus Rußland, Vater aus dem heutigen Tschechien. Dann wurde Kreta zu meiner zweiten Heimat, fast die Hälfte des Jahres lebe ich unterdessen dort an der Südküste. Einige der Kompilationen sind dort entstanden. Das Faszinierende an der Musik des Balkans, aber auch Rußlands, ist diese Schere, die sich mit tief emotionalen Balladen auf der einen Seite und wilder, teils exzessiver Musik auf der anderen Seite auftut. Der Schlagerkitsch dazwischen interessiert uns nicht. Nicht nur auf der Anthologie Balkan Blues haben wir versucht diese beiden Linien mit fantastischen Musikern abzubilden. Eine unserer Lieblingsgruppen, die Gruppe Bratsch aus Paris, schafft es auf sehr virtuose Weise uns auf sehr gefühlvolle Reisen in diesen kulturellen Raum mitzunehmen. Ich nannte das kürzlich europäische Soulmusik mit Elementen von Swing. Kürzlich haben wir uns in die Welt der Fanfaren vertieft und freuen uns sehr, daß diese teils verrückte Musik jetzt auch in Westeuropa entdeckt und gefeiert wird.

Nach den ersten schweren sieben Jahren, in denen wir Kredite von der Gründungszeit zurückzahlen mußten, folgte ein fünfzehnjähriger Rausch der Sinne. Wir haben jede neue CD wie die Geburt eines wunderschönen Kindes gefeiert. Die vielen Aufnahereisen brachte eine Fülle wertvoller, spannender und oft sehr lustvoller Erfahrungen und Erlebnisse mit sich. Es fällt mir schwer hier Superlative herauszustellen. Das ungewöhnlichste Spektakel war vielleicht die Organisation und Aufnahme des ersten Frauen-Salsa-Festivals in Cuba. Zunächst waren es drei Frauen-Gruppen, als wir ankamen waren es neun Gruppen: über 100 Mulattas auf der Bühne! Das Tropical war mit über 5 000 Menschen überfüllt. Wir hatten darauf bestanden, daß es Tickets gegen Pesos gab, ansonsten sind das ja immer Dollar-Veranstaltungen für Dollar-Menschen. Die Menschen haben uns das ekstatisch gedankt. Leider ist die CD „Cien lindas Cubanas“ im unübersichtlichen Salsa-Boom etwas untergegangen. Enttäuschungen gab es bei dieser kleinen Erfolgskurve kaum.  Wir mußten es lernen mit den manchmal wirkliche kriminellen Geschäftspraktiken mancher amerikanischer Firmen umzugehen – heute halten wir uns davon weitgehend fern. Dann tut es ab und zu weh, zu sehen wie unsere Ideen kopiert werden, dann auch noch schlecht. Eine Firma hat gar unseren Namen fast wörtlich übernommen.

Wegen des Ideenklaus reden wir auch nicht mehr so viel über neue Projekte. Deswegen hier nur so viel: 2004 wird ein Jahr bei Network mit fantastischen Frauenstimmen. Sollte die neue Reihe mit Portraits von Living Legends nach den beiden Editionen mit Bratsch uns mit Sexteto Mayor erfolgreich sein, werden wir hier weitere Portrait CDs folgen lassen. Wir bleiben unserem Prinzip treu: Gewinne – von den Reihen WorldNetwork und von den Anthologien sind über 2 Millionen CDs verkauft worden – investieren wir in neue Gruppen. Das müssen nicht immer junge Künstler sein, wie bei Bayuba Cante und bei dem Sandy Lopicic Orkestar. Im Jahre 2003 war das unter anderem Batata y su Rumba Palenquero: Ein völlig neuer Sound aus den schwarzen Ghettos von der Karibikküste Kolumbiens. Hier mischen sich Cumbia, afrokolubianische Musik und Salsa mit Highlife und Afrobeat: Prince Nico und Fela Kuti in Cartagena. Trotz seiner 74 Jahre ist Batata für uns der Newcomer des Jahres. 2004 kommt er endlich nach Europa. Auch mit ihm arbeiten wir an einer neuen CD.

Ich glaube nicht, daß er mehr gute WorldMusic-Labels in Deutschland als z.B.in Frankreich gibt. In den letzten Jahren hat die deutsche Presse den Bereich der Weltmusik mehr und mehr auf skandalöse Weise ignoriert. Das ist in Frankreich völlig anders – die genannten deutschen Labels, zu denen wir alle einen guten Kontakt haben, könnten ohne den französischen Markt kaum existieren. Wegen der Grenzen des eigenen Marktes denken die deutschen Lables per se etwas internationaler..so wird der Nachteil vielleicht langfristig zu einem Vorteil.

Zunächst muß man feststellen, daß der Bereich der Weltmusik der einzige in der gesamten Musikbranche ist, der angesichts der großen Krise in den letzten Jahren sogar Zuwächse hatte. Es ist eine Nische, aber mit enormem kreativen Potential. Es sind fast alles kleine, sehr engagierte Labels. Sie reisen in die Länder, zu den Künstlern und produzieren mit ihnen in menschlicher Nähe und Wärme. So etwas können große Apparate gar nicht leisten, auch haben sie nicht die Kompetenz. Die nächsten Jahre werden aber auch für diese Nische schwieriger. Aus verschiedenen Gründen. Der Markt ist unterdessen überfüllt. Dann lenken zu viele billige Kompilationen von den einzelnen Gruppen-Projekten ab. Nur sorgfälltig und mit viel Einfühlung gemachte Produktionen werden sich durchsetzen. Wir haben keinen großen Werbeetat – der zufriedene Kunde ist unser wichtigster Werbeträger. Wir sind froh, daß wir in vielen, vielen Ländern unterdessen Stammkunden haben. Manche Labels müssen sich dieses Vertrauen noch erarbeiten, sich vor allem mehr Zeit für ausgereifte Produktionen nehmen. Manche werden das nicht schaffen, weil sie nicht gemerkt haben, daß dieser Bereich kein Fast-Food-Markt ist. Die elenden Versuche Weltmusik in elektronische Popmusik zu trimmen, werden auch scheitern, weil sie an einem Antagonismus leiden. Die Menschen suchen bei all dem Lärm nach echter, warmer Musik, und die ist in der Regel akustisch. Dann müssen wir alle noch lernen, diese Musik attraktiver auf der Bühne zu präsentieren. Manches kommt zu intelektuell, zu steif und manchmal aber auch zu bescheiden daher. Hier bedarf es einer sensiblen, nicht übertriebenen aber auch für das Auge attraktiven Choreografie.

Die engagierten kleinen Labels werden auch weiterhin musikalische Goldstücke entdecken und in der Lage sein sie zum Glänzen zu bringen. Ein breiteres Publikum werden sie aber nur finden, wenn auch die Großmedien diesen Bereich wahrnehmen. Das ist - auch für uns - wohl die größte Herausforderung für die nächsten Jahre.