ESSAYS > Passion du Tango

So falsch es ist, den Blues auf eine traurige Lebenserfahrung, die besungen wird, zu reduzieren, so wenig ist der Tango per se „ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“. Es ist schon erstaunlich, dass dieser Satz von Enrique Santos Discépolo über den Tango über Jahrzehnte immer wieder als symbolträchtige Formel zitiert wurde. Ich konfrontiere José „Pepe“ Libertella und Luis Stazo, die beiden Gründer und Bandoneonisten des Sexteto Mayor, mit meinem Unbehagen. Pepe: „Man kann den Tango nicht auf ein Gefühl, auf eine einzige Gefühlslage einengen. Da gibt es viele poetischere und poesievollere Beschreibungen des Tangos, wo es um Liebe, Erinnerung, Sehnsucht geht. Discépolo war ein verbitterter Mensch.“ Und Luis ergänzt: „Er war nicht nur verbittert, sondern auch sehr traurig. Er war mit einer Sängerin verheiratet, die dann mit einem anderen Mann, mit einem Schauspieler, zusammenlebte ... Nimm diese beiden CDs: Sie sind voller Leben, Romantik und Leidenschaft.“ Wenn auch die erotische Beziehung das dominierende Sujet der Tango-Texte ist, so kann nicht abgestritten werden, dass es häufig auch um traurige Erfahrungen geht. Doch diese Traurigkeit wurde leider oft – die eigene Unfähigkeit zu trauern als Schablone nehmend – fälschlich als elegisch oder melodramatisch beschrieben. Dem klassischen Tango ging es nie um Traurigkeit um ihrer selbst willen, nicht um Ausdrucksformen hilfloser Verlassenheit oder um larmoyanten Weltschmerz. Man ist im Tango nicht deprimiert, es geht auch um die öffentliche Verarbeitung der Trauer als eine Möglichkeit der Wiederaneignung von Lebenskraft. Raimund Allebrand beschreibt treffend, wie die Erlebniswelt des Tangos einem paradoxen Motiv folgt: „Eine verlorene Liebe ist für ihn besser als keine. Weil er in der erotischen Beziehung die Erfüllung seiner Lebensfrage sieht und die Projektionsfläche des weiblichen Spiegels braucht, ist ihm die Erinnerung oder Illusion einer positiven Antwort durch das Gegenüber näher als der nackte Rückzug auf sich selbst.“

Wenn der Tango also nicht, oder nicht nur, ein trauriger, tanzbarer Gedanke ist, was dann? „Die einende Kraft des tanzenden Eros“, wie Sartori/Steidl ihr Werk betiteln? Dank des aktuellen Tango-Booms sind in jüngster Zeit eine Reihe interessanter Bücher über den Tango erschienen.* Wie Sartori/Steidl geht auch Nicole Nau-Klapwijk auf sozialpsychologische und philosophische Aspekte ein. Gemeinsam ist beiden, dass sie die Spannungsbögen zwischen Polaritäten und Dualitäten feinfühlig herausstellen: Tango als ein Erlebnis, als eine Erfahrung und als Herausforderung zwischen Hingabe und leichtem Rückzug, Spannung und Loslassen, Freiheit und Disziplin, zwischen Nähe und Distanz, Verzögern und Beschleunigen, zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit, Chaos und Ordnung, Autonomie und Hingabe und zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Bei diesem feinen Spiel mit Grenzen geht es auch darum, Extreme in einer gewissen Balance zu halten, z.B. bei sich zu sein, aber auch in den anderen hinzugehen. Die erotischen Dimensionen des Tangos sind evident, nicht nur beim spektakulären Bühnentanz. Sowohl bei der Musik als auch beim Tanz spielen die Improvisation und die verführerischen, spannungsvollen kleinen Pausen eine große Rolle. Es erstaunt nicht, dass in einem gesellschaftlichen Zustand zunehmender Vereinzelung ein Tanz der Nähe und Zweisamkeit immer beliebter wird. Ob nun aber der Tango vor allem, oder nur, in Krisenzeiten boomt, kann hier nicht vertieft werden. (Sartori spricht gar von einer „Erostankstelle für den Großstadtsingle“ und von „einer kulturellen Kampfansage an den Ruin“).

Bei der Aufteilung dieser beiden CDs sind wir einem immer wieder an das Sexteto herangetragenen Wunsch gefolgt, eine CD nur mit Tanzstücken zu füllen. Folgen Sie der Einladung zum Tanz: ob nun frech und rhythmisch oder fein und subtil ... es gibt hier keine Doktrin des Richtigen! Lassen Sie sich nicht abschrecken von den übertriebenen Differenzierungen in die vielen Tanzstile, gehen Sie rund um den Wiegeschritt mit Vertrauen und Hingabe auf eine Entdeckungsreise in immer wieder neue Figuren, zu denen die Musik Sie einlädt. Viel Mut und Spaß bei den Annäherungen an die Vereinigung im Unendlichen!

Doch nun zu unseren Jubilaren: 30 Jahre Sexteto Mayor! ...


* Ralf Sartori und Petra Steidl, Tango – Die einende Kraft des Eros, München 1999.

Nicole Nau-Klapwijk, Tango Dimensionen, München 2001.

Raimund Allebrand, Tango – Nostalgie und Abschied, Bad Honnef 1998.

Zur Geschichte des Tangos empfehlen wir neben dem Standardwerk von Dieter Reichardt auch Arne Birkenstock und Helena Rüegg, Tango – Geschichte und Geschichten, München 2001.